Theater – 1991

John Hopkins/Peter Zadek: „Verlorene Zeit“

Sexualität ist Trumpf

In der neuesten Produktion des Innsbrucker Treibhauses im „Theater im Turm“ geht es um das Zwischenmenschliche schlechthin: „Verlorene Zeit“ von John Hopkins, in der Bearbeitung von Peter Zadek, inszeniert von Dorothee Steinbauer und Wolfgang Dobrowsy. Drei Stunden dichtestes Theater, getragen von gegenseitiger Zerstörung der handelnden Protagonisten. […] Der Abend gehört den beiden großartig spielenden Damen. Dorothee Steinbauer variiert alle Gefühlswelten distanziert und intensiv. Eva Maria Gintsbergs Frauendarstellung geht unter die Haut – alle Gefühlsskalen werden ausgelotet. […] von wwl

Theater – 1998

Das Lied der Heimat

Thomas Hürlimann, durfte mit der auf acht Szenen erweiterten und vor allem wegen Otto Gründmandl „aufgefetteten“ sogenannten Exportversion seines in der Schweiz uraufgeführten „Das Lied der Heimat“ die neue Saison in den Kammerspielen eröffnen. […] Für mich am treffensten und amünsantesten mit fast Woody-Allen-Dialogen waren die Szenen aus der Satellitenstadt mit ihrer austauschbaren Architektur und austauschbaren Bewohnern, wobei Eva Maria Gintsberg und Günther Lieder ein Kabinettstückchen boten. […] von Friedel Berger

Theater – 2003

Augenspieltheater Hall ist Anziehungspunkt für Freunde anspruchsvoller Literatur

Komplexes zieht die Massen an

René Zisterer, Leiter des Augenspieltheaters in Hall, hat Mut zu gewagten Projekten. Auch die aktuelle Produktion „Der Mann ohne Eigenschaften“ ist eine Herausforderung. Das Augenspieltheater meistert sie mit Bravour. Entsprechend groß ist der Publikumsandrang. […] Die Produktion zeichnet sich aus durch atmosphärische Dichte, schauspielerische Glanzleistungen und eine Inszenzierung (Zisterer), die die Ebenen des Seins zwischen Ist-Zustand und Möglichkeitsform gekonnt auslotet. […] von C. Thurner

Theater – 2003

Einmal Musik hin und zurück

Eine überraschende Collage von „Mann ohne Eigenschaften“

[…] René Zisterer, Intendant u. Regisseur in einer Person, inszenierte für ein ebenso risikobereites Publikum einen spannenden Streifzug durch das intellektuelle Bergwerk von Musils wichtigstem Oevre […]. Im Detail alle Namen u. Vorzüge der einzelnen Akteure zu nennen, würde den vorhandenen Rahmen sprengen, so seien hierfür stellvertretend einige unübersehbare Protagonisten erwähnt. Die Figur Ulrich […] fand in Franz Tscherne einen hoch überzeugenden Darsteller. […] Ihm ebenbürtig Eva Maria Gintsberg als nervöse und leidenschaftliche Clarisse. […] von Peter Teyml

Theater – 2007

Das Stück „Kleine Eheverbrechen“ feierte im Kellertheater Premiere

Der Absturz vom siebten Himmel in die Ehehölle

Was bleibt von der Liebe, wenn sich die Gewohnheit eingeschlichen hat? Das Kellerthater begibt sich auf eine Spurensuche zwischen Schein und Sein. […] Das Stück berührt, verführt mit seinem bitterbösen Humor zum Lachen und stimmt auch nachdenklich. […] Eva Maria Gintsberg wechselt hervorragend zwischen der treusorgenden Ehefrau und dem durchtriebenen Racheengel, Walter Ludwig überzeugt als scheinbar Orientierungsloser, der seine Frau in Wirklichkeit geschickt manipuliert – eine gelungene Aufführung. von pla

Theater – 2016

Ein wunderbarer Abend für Selma Merbaum – eine Premiere zum Nachdenken

[…] Eva Maria Gintsberg erstellte das Konhzept und liest als versierte Schauspielerin und „Vorleserin“ die Texte der Autorin. Stefan Manges mischt sich mit wortbehutsamen Akkordeonklängen dazu. Wer sich also gern verzaubern lassen möchte von einem musikalisch-literarischen Gesamtkunstwerk und Texten einer außergewöhnlichen Frau, sollte die nächsten geplanten Termine nicht verpassen. […] von Siljarosa Schletterer

Buchrezension – 2020

Tiroler Gegenwartsliteratur 2233

Die Reise

Auf der wahrlich großen Lebensreise verlieren die Reisenden allmählich das Ziel, am Schluss wissen sie gar nicht mehr, dass sie auf Reisen sind. Eva Maria Gintsberg stellt in ihrer Erzählung um einen jähen Aufbruch ein paar Protagonisten am Bahnsteig zusammen und lässt sie im Morgengrauen losfahren. Die Ich-Erzählerin, die das Reisen nicht gewöhnt ist, packt eines Tages einen Koffer und begibt sich in der Früh zum Bahnhof, sie sticht aus der Menge der Wartenden hervor, vielleicht, weil sie ein besonderes Ziel hat. Sie will nämlich in die Vergangenheit ihres Vaters reisen, der während des Krieges eine Affäre gehabt hat. Nach seinem Tod sind nur ein paar rätselhafte Buchstaben übriggeblieben, die darauf hindeuten, dass es irgendwo eine Geliebte mit dieser Signatur gibt. Im Zug trifft die Erzählerin auf einen älteren Herren, der ein Fläschchen gegen den Alltag dabei hat und auf dem Weg zu seiner Tochter ist, die nach einem Suizidversuch apathisch in einem Sanatorium liegt. Zwischendurch läuft ein rothaariges Mädchen durch die Garnitur und bläst ihren Kaugummi auf zu Blasen, die jenem Comics entsprechen, den sie herumreicht. Bald einmal stellt die Heldin fest: Der eigentliche Grund meiner Reise ist mir abhanden gekommen. (27)

In einer zweiten Erzählschicht ist vom Familiensumpf die Rede, in den alle Protagonistinnen verstrickt sind. Das Mädchen Agnes hat den alkoholischen Vater an die Tante verloren, die eigentlich auf es aufpassen sollte. Sie verlässt eine depressive Mutter und hockt mit der Ersatzmutter im Zug, sie kennt sich nicht mehr aus, wer wofür zuständig ist. Aus der Eigenperspektive schaut die depressive Rosa auf sich selbst hinunter, der Herrgott hat sie verlassen und alles ist schief gegangen. In einem eruptiven Anfall liegt sie unter einem Apfelbaum und reißt Grasbüschel aus. Ihre Tochter ist für immer weggefahren. Am hinteren Ende der Erzählung hockt die stille Frieda ihren Lebensabend herunter. Ein bisschen Erinnerung an die Liebschaft im Krieg gibt es noch und dann das Beobachten eines älteren Herrn, der wohltuend verlässlich seine kranke Tochter besucht. Die Reise ist kunstvoll aus drei Strängen zusammengeflochten, an der Oberfläche sind es Reisebewegungen wie sie rund um eine Zugfahrt unscheinbar abgewickelt werden, etwas tiefer liegen die familiären Verstrickungen, aus denen die Heldinnen selbst mit größtem Bemühen nicht hinausfinden, und als dritte Ebene könnte man das Reisen in der Sprache selbst auffassen. Vier Kapitel sind nämlich nicht nur vier Heldinnen zugeordnet, sondern auch vier Erzählmethoden. Das Unausgesprochene flüstert. (3) / Wenn Bäume sprechen. (29) / Das Schweigen legt eine Pause ein. (55) / Die Erinnerung (65).

Die Geschichten liegen selten auf einer Ebene, sodass man sie mit einer Handbewegung zusammenwischen könnte, sondern sie sind schroff in einander verkeilt, verschwinden im Unterbewusstsein und tauchen in Rhizom-Manier an völlig anderer Stelle wieder auf. Wer einmal einen Erinnerungsprozess angestoßen hat, muss damit rechnen, dass dieser sich verselbständigt. Dabei überlappen sich die biographischen Abschnitte, mitten in die Kindheit kann eine Altersweisheit eindringen, im Arbeitssaft stehend bricht plötzlich der Boden weg, und alte Zeichen lassen späte Triebe ausbrechen und geraten in den Glanz einer neuen Bedeutung. Alle sind heftiger unterwegs, als sie es selbst ahnen. Eva Maria Gintsbergs Reise ist eine subtile Auseinandersetzung mit den Schatten einer Familiengeschichte. Darin werden die Verwundungen neu angeritzt, damit sie durch Erzählen neu verbunden werden können. Vielleicht ermöglicht erst dieses Aufsuchen versunkener Erwartungen eine Heilung. Die Erzählung nimmt letztlich viel Druck aus dem angestauten Zerwürfnissen der Heldinnen. Wie bei großen Reisen üblich, ist sie nie zu Ende.

von Helmuth Schönauer 28/05/20